Presse

Feuilleton regional    -  Augsburger Allgemeine
27. 05. 2019


Bratsche und Akkordeon
Hochleistungssport mit ungewöhnlichen Instrumenten


Von Oliver Wolff


Bei zeitgenössischer Musik kann man sich immer auf Überraschungen gefasst machen – wie jetzt im Abraxas bei einem Konzert des „Duo2KW“. So nennen sich die Münchner Klaus-Peter Werani und Kai Wangler, die vor neun Jahren als Bratschen-Akkordeon-Duo zusammenfanden. Da diese Kombination selbst in der Neuen Musik ziemlich ungewöhnlich ist, vergaben die beiden Kompositionsaufträge für ihr Instrumentarium. Diese und schon bestehende Werke präsentierten die Musiker am Samstagabend im Kulturhaus Abraxas.
Das erste Stück, „Titty Twister“ (2009) von Nicolaus A. Huber basiert auf einer Filmszene aus „From Dusk Till Dawn“. In seinem Werk zieht Komponist Huber den „filmischen Klim Bim“ ab, wie er es in der Werkbeschreibung nennt. Heraus kommt ein diffuser Instrumentendialog, bei dem sich Parallelen zur Originalmusik nur erahnen lassen.
In Harald Lillmeyers Uraufführung „Balanced relation“ geht es schematischer zu. Von getragen bis hektisch, von colla parte bis kontrapunktisch: Das Werk enthält zwölf Episoden, die kommentierend vorgetragen werden. Diese und folgende Aufführungen sind ein Unikum, denn Tempo, Dynamik und Verfremdung des Notierten sind den Interpreten überlassen.
Die „Knochentänze“ (2008) von Sidney Corbett sind als modernes Requiem zu verstehen. „Das Werk ist der Versuch, sich in Klarheit zu üben und auf alles nicht unbedingt Notwendige in der Musik zu verzichten“, schreibt der Komponist. Dabei entsteht eine melancholische Mehrtonalität, gepaart mit Aspekten der Minimal Music.
Komponist Stefan Prins setzt in seinem Stück „Erosie“ (2005) auf eine elektronische Verstärkung der Instrumente. Diese ist nötig, um die teilweise unscheinbaren Geräusche, welche die Instrumentalisten erzeugen, zu transportieren. Ein Klang-Experiment der besonderen Art.
Klaus-Peter Werani zeigt in seinem Stück „Schattenraum“ (2008), dass er nicht nur ein ausgezeichneter Interpret Neuer Musik ist. Auch seine kompositorischen Fähigkeiten stehen in nichts nach. Die zwei tiefsten Saiten der Viola sind hier um eine große Terz tiefer gestimmt. Zusammen mit dem Akkordeon ertönt ein dunkles, tiefes Klanggebilde. Nach einem Solo-Rezitativ der Bratsche kommt eine weitere Besonderheit zum Vorschein: Kai Wangler wechselt das Instrument. Nun folgt eine schattenhafte Textur des vorherigen monströsen Sounds. Das neue Akkordeon ist manipuliert, es ertönen quietschende, trötende und pfeifende Geräusche, während die Viola in gewohnter Weise kommentiert.
Ein spannender Abend, bei dem aber nicht die Kompositionen, sondern die Instrumentalisten abschließende Worte verdienen. Denn das, was Werani und Wangler in eineinhalb Stunden ohne Pause abspulen, ist nicht nur Kunst. Das ist Hochleistungssport.
 

 

Feuilleton 18.März 2019 - Augsburger Allgemeine


Jubiläum mit radikalen Klängen
Konzert zu fünf Jahre „jetzt:musik!“ im H2


Von Manfred Engelhardt


Atmosphärisch stimmig angesiedelt war das Konzert zum fünfjährigen Bestehen des Projektes „jetzt:musik!“, das die Augsburger Gesellschaft für Neue Musik im H2-Zentrum veranstaltete. Wie eine Kunstinstallation mutete die Anordnung von blinkenden Elektronik-Geräten, Vibrafon-Ansammlungen und exotischen Metallschlagwerken an. Das in den Glaspalast hereingeströmte Publikum, in der Mitte auf beweglichen Stuhlreihen platziert, konnte sich in alle vier Himmelsrichtungen mitdrehend auf ein erlebnisreiches Klangabenteuer einstellen.
Von zehn Stücken, ausgeführt von 20 Musikern, sollte sich das Publikum herausfordern, auch provozieren, vorurteilsfrei mitnehmen lassen. Diese Musik und ihre Künstler haben die Rolle, Gefühle und Phänomene der modernen Welt zum Ausdruck zu bringen – wie es Iris Lichtinger, Vorsitzende der Gesellschaft, zur Erläuterung eingangs beschrieb.
Die moderne Welt: „Echoes of Industry“ von den Elektronik-Spezialisten Gerald Fiebig und Christian Z. Müller brachial in den Raum geschleudert, lässt eine Arbeiterstimme aus der ehemaligen Augsburger Textilfabrik darin symbolisch ertrinken. Auch Ben Wahlunds Stück über den „Abgebrühten Kapitalismus“ befasst sich, laut Programm, mit den Veränderungen in der Welt. Das von Fabian Strauß virtuos gespielte Vibrafon spricht da eine für sich stehende musikalische Sprache. In weit zurückliegende Bereiche begibt sich Yannis Kyriakides’ „Affectio“ nach „Ethica“ des jüdischen Philosophen Spinoza. Mit Iris Lichtingers Stimme, dem lapidar eingesetzten Cembalo (Ella Sevskaya) und elektronischer Zuspielung werden in bizarren Farbmischungen 24 Emotionszustände von Liebe, Spott, Mitleid, Zwist, bis Verzweiflung und Freude zum Ausdruck gebracht.
Es gab auch „analoge“ Kammermusik zu hören. Enjott Schneiders feines Traumstück für Blockflöte beschwor Iris Lichtinger mit edlem Ton und virtuos zirpenden Gesten. Volker Nickels „Cassation“ für Klarinette (Lisa Riepl) und Cello (Dylan Lee) spielt mit extrem zugespitzten barocken Gesten-Fetzen. Klangsatt ist Richard Hellers „Actus“ für Konverter-Akkordeon. Michael Rettig reizt diese Szenen durch das besonders bassverstärkte Instrument wunderbar aus. Wolfgang Lackerschmid brachte mit den Vibrafonisten Fabian Strauß und Sebastian Hausl sein „Compadre Peri“ jazzig zum Swingen. Das Duo Beatrice Ottmann (Mezzo, Stimme) und Elektroniker Stefan Schulzki beschworen in ihrer tollen Improvisation ein Farbgewitter verfremdeter Musical-Déjà-vus, freiem Gefühlsausdruck und ekstatischen Verzückungs-Blitzen. Ein subtiles Geflecht von eher stillen Impulsen und kippenden Veränderungen war zum Schluss John Cages fünfstimmiges Stück für Vocals (Lichtinger, Ottmann), Vibrafon (Hausl) sowie Klarinette/Cello.
Gelungene dramaturgische Akzente setzten die immer wieder eingeschobenen fünf elektronischen „Nachtstück“-Miniaturen vom Augsburger Kunstförderpreisträger Patrik T. Schäfer: Teils latent bedrohliche, teils still brütende Flüsternischen nach Motiven zu Pier Pasolinis Film „Teorema“.
Das Publikum ließ sich von diesen radikalen Klängen drei Stunden lang begeistert mitnehmen.
 

https://epaper.augsburger-allgemeine.de/issue.act?issueId=256150&newsitemId=29752480&token=uUFp4yJr5f6w3B1LNyuwPA

 

 

 

Konzert

04.04.2017

Es kam zur Eskalation

 

Musik-Avantgarde im Glaspalast

Von  Manfred Engelhardt
 

„jetzt: Musik!“ ist Eigenname und Leitmotto der vor vier Jahren gegründeten Augsburger Gesellschaft für Neue Musik (AGNM). Mit ihren Klängen umkreiste die engagierte Institution die derzeitige Fotoausstellung „Not Here Yet“ im H2 des Glaspalastes und präsentierte einen kontrastreichen Überblick über Aspekte der Augsburger Avantgarde-Szene, mit Gästen aus München und Basel. Die Bandbreite der Experimente reichte von der Elektronik bis zur scheinbar(!) harmlosen Blockflöte.

Um bei der Starkstromtechnik im doppelten Sinn zu beginnen: Der Augsburger Stefan Schulzki (*1970), mittlerweile weit angesehener Zauberer mit seinen Modularsystemen und Live-Elektronik, der das Konzert eröffnete, versteht es, neben martialischen Klanggewittern auch skurrile Momente in seiner dreiteiligen Schöpfung „Not Finished Yet“ zu realisieren. Seine Sopranpartnerin Beatrice Ottmann half, in den verzerrten Gesangsposen Ironie funkeln zu lassen. Mit den „Seven last words of Hasan“ von Bernhard Lang (*1957) war es weniger ironisch bestellt. Auf normalem Flügel wickelte Wolfram Oettl unbeirrt den Repetitionscharakter dieser Komposition ab, deren aggressive Grundgeste dem Anführer der mittelalterlichen islamischen Assassinen-Sekte gewidmet ist.

Was aber die Augsburger Percussionisten Sebastian Hausl, Fabian Strauß und Florian Reß in den „WAVE Impressions – Schlag3“ (2008) der 80-jährigen Japanerin Keiko Abe an Farbe und Wucht, silbrig wisperndem Taumel und rasend ineinandergreifender Präzisionsmotorik inszenierten, riss die Besucher hin – ein Klangkatarakt mit Marimba in der Mitte, umzingelt von Trommeln und Geräuschzauberwerk aller Art.

 

Erstaunliches hat die Blockflöte in all ihren Varianten an Klangexotik zu bieten, vom spitzfeinen Sopranino, über sanft-kräftige Mittellagen bis runter zum bizarren Paetzold-Bass. Mit Flöten-Magierin Iris Lichtinger voran, bündelten Maria Wegner, Stefanie Pritzlaff und Sophia Rieth die „Organi“ des Münchners Johannes X. Schachtner (*1985) zum mal meditierenden, mal virtuos und kurios blitzenden Kreis. Chris Sigdell, Christian Z. Müller und Sascha Stadlmeier improvisierten in der Box mit Electronics vor einem Video.

Den tollen Schlusspunkt setzte das 30-köpfige Internationale Music Ensemble Augsburg des Leopold-Mozart-Zentrums mit den „Trios“ für Orchester von Franz Jochen Herfert (*1955). Im vom Komponisten geleiteten Orchester mit klassischen philharmonischen Instrumenten lieferten sich, erinnernd an Ravels „Boléro“, zumeist jeweils drei Instrumentalpartner herrliche Behauptungskämpfe wie auch wahre Liebesscharmützel – bis zur gemeinsam-orchestralen Schluss-Eskalation.

 

 

 

November 2013, Augsburger Allgemeine, 29.11.2013, Manfred Engelhardt

 

September 2013, nmz 9/13, S. 14, Robert Palmer

 

August 2013, positionen 96 Texte zur aktuellen Musik, S.63, Christian Z. Müller